Mittwoch, 23. Januar 2008

GKV Bayern 2008 AOK

Hausärzteverband verspricht Kollegen den Abschied von der Punkte-Welt
In Baden-Württemberg wollen AOK, Hausärzteverband und Medi ein neues Kapitel der Vertragspolitik aufschlagen
STUTTGART. Die neue Welt des AOK-Hausarztvertrags in Baden-Württemberg ist groß: "Status quo plus XXL", verspricht Verbandsvize Dr. Frank-Dieter Braun teilnehmenden Hausärzten etwa bei den Honoraren. Aber die Verbandsspitze weiß auch: "Klappt es nicht, bleibt der Vertrag eine Anekdote in der Gesundheitspolitik", sagt Landes-Hausärztechef Dr. Berthold Dietsche.

Von Florian Staeck und Wolfgang van den Bergh



Eng verbandelt: Hausärzteverband und Medi sowie die AOK gehen mit dem geplanten Vertrag auf Tuchfühlung.

Foto: imago

Stuttgart war kurz vor Weihnachten das Epizentrum eines Erdbebens in der Gesundheitspolitik. Erstmals verhandeln zwei Verbände, Hausärzteverband und Medi, mit der AOK über die komplette hausarztzentrierte Versorgung in einem Flächenland. Mit dem Zuschlag der AOK schlagen die Verbände ein neues Kapitel in der Geschichte frei verhandelbarer Verträge auf. Die KV ist außen vor.



"Bei den Honoraren streben wir den Status quo plus XXL an." Dr. Frank-Dieter Braun Vize-Chef des Hausärzteverbands in Baden-Württemberg
Hinzu kommt: Honoriert werden sollen die teilnehmenden Hausärzte - beide Verbände bringen im Südwesten etwa 4500 Hausärzte mit - dadurch, dass die Gesamtvergütung der KV nach einem noch auszuhandelnden Verfahren gekürzt wird.

Grundpauschale angesetzt, dann floaten die Punktwerte
Für den Hausärzteverband ist der Vertrag, der zum 1. Juli starten soll, der zentrale Hoffnungsträger, um dem "Elend des neuen EBM" zu entkommen: So werde etwa das Punktzahlgrenzvolumen in Baden-Württemberg bereits mit der Abrechnung der hausärztlichen Grundpauschale fast erreicht, berichtet Dietsche. Jede weitere Leistung werde nur noch mit floatenden Punktwerten vergütet.

Damit soll im AOK-Vertrag Schluss sein. "Es wird keine Punkte geben", kündigt der Vorstand an. Stattdessen strebe man eine "einfache pauschalierte Gebührenordnung" an. Verhandlungsbasis soll der Vorschlag des hausärztlichen Fachausschusses der KBV vom Januar 2007 sein. Der Fachausschuss hatte damals eine Berechnung vorgelegt, in der Praxismieten, Tarifverträge, Energiekosten und Abschreibungen berücksichtigt wurden. Die daraus ermittelten Gesamtkosten beliefen sich auf 276 000 Euro für eine Durchschnittspraxis bei einer angenommenen Scheinzahl von 800 Patienten. Bei unterschiedlicher Altersgewichtung errechnete der Fachausschuss eine Grundpauschale von 85 Euro im Schnitt.

Anpassung an steigende Morbidität ist noch nicht geklärt


"Die Kollegen können ihre bisherige EDV weiter benutzen." Dr. Berthold Dietsche Chef des Hausärzteverbands in Baden-Württemberg
Beim Hausarztvertrag soll die Jahr um Jahr steigende Morbidität berücksichtigt werden, fordern Dietsche und Braun. Wie dieser Anpassungsfaktor berechnet werden soll, sei aber noch ungeklärt. Dietsche und Braun bestreiten den Vorwurf der KBV-Spitze, sie verspielten das erreichte Ziel, das die Morbidität künftig von den Kassen getragen wird. Für den Verband ist zudem entscheidend, dass im AOK-Vertrag die Lotsenfunktion des Hausarztes tatsächlich etabliert wird, um das "Facharzthopping" zu beenden.

Ausdrücklich hat die AOK in ihren Ausschreibungsbedingungen verlangt, dass die teilnehmenden Ärzte auch andere AOK-Verträge, etwa nach Paragraf 73 c SGB V (besondere ambulante Versorgung) unterstützen. Dietsche hat damit auch mit Blick auf Medi kein Problem. Medi ist fachübergreifend organisiert und drängt für seine Fachärzte auf eigene Verträge. Bei der genauen Beschreibung der Schnittstellen zwischen der haus- und der fachärztlichen Versorgung "wollen wir aber natürlich dabei sein", betont Dietsche.

Das Verhältnis zu Medi beschreibt der Vorstand als "freundliches Zweckbündnis", programmatisch gehe man nur zum Teil gleiche Wege. So habe der Hausärzteverband in Baden-Württemberg mit Korbmodellen als Vorbereitung für einen GKV-Ausstieg, wie sie bei Medi diskutiert werden, nichts im Sinn. Das gelte auch für die Diskussion, die der Hausärzteverband in Bayern aktuell dazu führt. Dietsche: "Unsere Landesverbände sind hier völlig autonom."

Viel vorgenommen haben sich die künftigen Partner bei der EDV-Ausstattung der teilnehmenden Hausärzte. Denn diese sollen nach dem Willen der AOK bei der Verordnung Preisvergleichslisten berücksichtigen. "Die Kollegen können ihre bisherige EDV benutzen", beruhigt Dietsche. Verordner sollen auf die - werbefreie - Software zugreifen, um die AOK-Informationen berücksichtigen zu können.

In Sachen EDV zerstreut Dietsche Befürchtungen, wonach die teilnehmenden Hausärzte ihre Abrechnungsdaten direkt an die AOK liefern sollen: "Der Kollege stellt seine Unterlagen der Hausärztlichen Vertragsgemeinschaft zur Verfügung." Diese leitet die aggregierten Daten an die AOK weiter. Dietsche: "Nichts anderes macht auch die KV."

"Ein Angriff auf das KV-System"
Die Ausschreibung der AOK hat bei der KBV die Alarmglocken schrillen lassen. KBV-Chef Dr. Andras Köhler warnte in der Vertreterversammlung der KBV am 7. Dezember vor Fehlentwicklungen:

"Der angeblich maßgeschneiderte Vertrag ist in Wirklichkeit eine Zwangsjacke."
"Die Ausschreibung hat den Charakter eines Angriffs auf das KV-System."
"Therapiefreiheit und individuelle Behandlung sind passé."
"Ärzte begeben sich in eine direkte Abhängigkeit einer Kasse."
"Honoraranpassungen werden durch eine zementierte Pauschale ausgeschaltet."

DOKUMENTATION
Was die AOK von Ärzten fordert
Die AOK macht ihren Partnern in der Ausschreibung unter anderem folgende Vorgaben:

Nutzung einer online-fähigen EDV (ab Windows 2000) und Anbindung über ISDN oder DSL zur Steuerung von Abrechnungs-, Verordnungs- und Informationsprozessen.
Elektronische Abrechnung der Leistungen gegenüber der AOK.
Führen einer elektronischen Patientenakte.
Aktive Umsetzung von DMP.
Unterstützung von Verträgen der AOK Baden-Württemberg zur besonderen ambulanten Versorgung und der Integrierten Versorgung.
Berücksichtigung von Preisvergleichslisten.
Sprechstundenangebot werktäglich (außer Samstag) und mindestens eine Abendsprechstunde pro Woche.
Enge Zusammenarbeit mit der AOK zur Nutzung derer Präventionsangebote und Beratungsleistungen.

Keine Kommentare: